Mit Staunen und Zittern / Stupeur et tremblements

Autor / Übersetzer : Amélie Nothomb / Wolfgang Krege

Land : Belgique

Genre : Roman

Herausgeber : Diogenes Verlag

Seiten : 160

Veröffentlichung / Übersetzung : 1999 / 2002

Datum der Kritik : 03/11/2011

 

Der Roman "Stupeur et tremblements" von Amélie Nothomb erzählt sehr kurzweilig und mit viel Witz die Erfahrungen einer jungen Belgierin mit der bisweilen abstrusen Firmenkultur des (fiktiven) japanischen Unternehmens Yumimoto. Das Werk wurde 1999 veröffentlicht und erhielt den Grand prix du roman der Académie Française.

 

Nach ihrem Studium beschließt die Protagonistin Amélie, einen Einjahresvertrag bei Yumimoto in Tokio zu unterschreiben, um dort ihre ersten Arbeitserfahrungen zu sammeln. Amélie hat als Kind ein paar glückliche Jahre in Japan verbracht und hatte daher Sehnsucht nach diesem Land. Sie spricht - für eine "Westlerin" ungewöhnlich – Japanisch, ist aber noch nicht mit allen Facetten der japanischen Kultur vertraut. Ihr Roman trägt sicherlich autobiographische Züge, auch wenn Nothomb nicht verrät, wo die Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit verläuft.

 

Vom ersten Tag an ist Amélie fasziniert von der Schönheit und Anmut ihrer direkten Vorgesetzten Fubuki Mori, die Amélies Sympathie auch zunächst zu erwidern scheint.

 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten angesichts der strengen Hierarchien, der für Amélie schwer verständlichen ungeschriebenen Verhaltensregeln und sinnentleerten Arbeitsaufträgen, entdeckt ein leitender Angestellter Amélies Fähigkeiten und beauftragt sie - an ihrer direkten Vorgesetzten vorbei - für ein Projekt, das Amélie erfolgreich bearbeitet.

 

Doch damit nimmt die Katastrophe für Amélie ihren Lauf: Fubuki, die Amélie als Konkurrentin betrachtet und sie nun aus dem Weg räumen will, verrät ihrem Vorgesetzten die Umgehung der hierarchischen Ordnung und setzt sich dafür ein, dass Amélie ab diesem Zeitpunkt immer absurdere, unlösbarere und erniedrigendere Aufgaben erhält.

 

Amélie hat von da an nur ein Ziel: das eine Jahr bei Yumimoto auszuhalten, um nicht frühzeitig das Feld zu räumen und so vor Fubuki das Gesicht zu verlieren. Ein erbitterter (und sehr unterhaltsamer) psychologischer Kampf zwischen beiden Frauen beginnt, bei dem Fubuki - sinnbildlich für die japanische Kultur - für Amélie jedoch nichts an Faszination einbüßt.

 

Es ist ein Genuss, dieses Buch zu lesen, das trotz seines klaren, angenehmen Erzählstils keineswegs leichte Kost ist. Nothomb gelingt es, auf knapp 160 Seiten eine tiefe und spannende Geschichte zu entwerfen, die voller absurder Komik und dem Nothomb eigenen Wortwitz ist sowie gleichzeitig die Faszination der Autorin für Japan zum Ausdruck bringt. Die Protagonistin lässt sich nie dazu verleiten, an ihrer Liebe zu Japan zu zweifeln oder respektlos über die japanische Kultur zu sprechen, so groß und unüberbrückbar die kulturellen Unterschiede zwischen "westlicher" und japanischer Kultur auch sein mögen.

 

Dies unterschiedet Nothombs Roman von vielen anderen Werken, in denen es um die Erfahrungen von "Expats" im Ausland geht, und die sich häufig in pauschalen Gegenüberstellungen kultureller Unterschiede zum Nachteil des Gastlandes erschöpfen. Sicher, Nothomb bedient Klischees der "Westler" von der strengen Hierarchie in japanischen Unternehmen, und doch bringt dies dem Leser die japanische Kultur näher. Auch verzichtet Nothomb auf eine holzschnittartige Aufteilung der Personen in "gut" und "böse" oder "schlau" und "dumm", denn schließlich ist auch die Protagonistin mit ihrer Sturheit und westlichen Naivität nicht unschuldig am Verlauf der Geschichte.

 

Für alle, die Lust auf mehr Japan aus der Perspektive von Nothomb bekommen haben: "Stupeur et tremblements" ist das Gegenstück zu "Ni d'Eve ni d'Adam" (deutsch: „Der japanische Verlobte“), in dem das Privatleben der Protagonistin - insbesondere ihre Beziehung zu einem Japaner - in der Zeit ihres Aufenthalts in Tokio beschrieben wird.

 

Sterne : ***

Céline Chazelas